Dipl.-Ing. A. Morgenroth
Dipl.-Ing. Andreas Morgenroth, Hamburg
Bild: Privat

»Insbesondere die Betreiber von Bestattungswäldern behaupten immer wieder, ihre im Wald beigesetzten Urnen seien biologisch abbaubar.«

»Verrottbare« Urnen

Was hat es mit »verrottbaren« oder »biologisch abbaubaren« Urnen auf sich?

Allgemein gilt, dass sich Urnen innerhalb der Ruhezeit auflösen müssen. In diesem Zusammenhang ist von »verrottbaren Urnen« die Rede.
Zum Begriff »verrottbar« schreibt die Oberbürgermeisterin der sächsischen Landeshauptstadt Dresden:

»Hinweisen möchte ich insbesondere auf die Begriffe >verrottbare< und >umweltgerecht abbaubare Urnen<, welche verschieden definiert werden. So stammt die Verrottbarkeit aus der Abfallwirtschaft, während die umweltgerechte Abbaubarkeit dem ökologischen Anliegen entspricht.«

Trotz dieser Differenzierung wird in der Werbung für Urnen stets von »verrottbar« gesprochen und für diese Urneneigenschaft plädiert. So sagt beispielsweise Dipl.-Ing. Dierk Werner, Weimar:

»Nicht nur im Zusammenhang mit Naturbestattungen werden so genannte verrottbare Urnen verwendet. Gerade auch auf althergebrachten Friedhöfen gewähren Bio-Urnen ein natürlich verlaufendes und auch umweltfreundliches Übergehen der sterblichen Überbleibsel in den Kreislauf der Natur. Inzwischen bieten kundige Hersteller ein breites Sortiment kunstvoller Naturstoffurnen aus nachwachsenden Rohstoffen an.«

(Quelle: www.serafinum.de/Bio-Urnen)


Diese Umweltverträglichkeit wird von Landschaftsarchitekt Dipl.-Ing. Andreas Morgenroth, Hamburg, wie folgt hinterfragt:

Insbesondere die Betreiber von Bestattungswäldern erklären stets, ihre im Wald beigesetzten Urnen seien biologisch abbaubar, so dass die sie bergenden Inhaltsstoffe in den natürlichen Kreislauf gelangen können, gemeint ist die von der Aschenkapsel ummantelte Überurne. Signalisiert wird große Naturverträglichkeit, was insofern plausibel ist, als der Kundenkreis besonders unter Naturliebhabern verortet wird.

Zur biologischen Abbaubarkeit der von der Aschenkapsel ummantelten Überurnen bestehen zwei Zertifizierungswege nach DIN:

  • Nach DIN-EN 13432 bedeutet Bioabbaubarkeit, dass sich ein Material nach einer festgeschriebenen Zeit unter definierten Temperatur-, Sauerstoff- und Feuchte­bedingungen in der Anwesenheit von Mikroorganismen oder Pilzen zu mehr als 90% zu Wasser Kohlendioxid und Biomasse abgebaut haben muss.
  • Nach DIN-EN 350-2 wird unbehandeltes Naturholz in Dauerhaftigkeitsklassen unterteilt.

Ausschließlich Überurnen aus Naturholz sind nach beiden DIN[1] zertifizierbar.

Der Großteil der Überurnen besteht jedoch aus Thermoplasten (PLA oder WPC)[2]. Diese Urnen sind ggf. nach DIN-EN 13432 zertifizierbar, WPC-Urnen nur dann, wenn sie kein Gerüst aus Polypropylen haben.

Die DIN EN 13432 erlaubt auch industrielle Recycling-Bedingungen, die in der Natur nicht gegeben sind. So erklärt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in einer Veröffentlichung des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL zur vermeintlichen biologischen Abbaubarkeit, dass hier dem Verbraucher etwas vorgegaukelt werde. PLA lasse sich nur industriell bei sehr hohen Temperaturen (>700C) vollständig zerlegen. Diese Bedingungen seien in der freien Natur jedoch nicht gegeben, weshalb PLA ebenso wie herkömmlicher Kunststoff, eine sehr lange Zeit zum Abbau benötige.[3]

Hinzu komme bei Mais-basierter PLA ein „großer ökologischer Rucksack“ – durch den Flächenbedarf des Anbaus, Einsatz von Herbiziden, Pestiziden und Düngern.

Die Fachpressestelle Performance Polymers der BASF SE, Ludwigshafen hat auf Anfrage ergänzend eingeräumt, dass auch genveränderter Mais eingesetzt werde.[4]

Bei WPC bieten spezialisierte Anbieter Compounds an, die ursprünglich aus Holz stammen. Die wie herkömmliches Plastik zu verarbeitenden Granulate bestehen neben Holzfasern oder Fasern einjähriger Pflanzentriebe vor allem aus dem bei der Celluloseherstellung anfallenden Lignin.

Um Anforderungen an die Stoß- und Druckfestigkeit zu erfüllen, wird als Additiv u.a. ein Tallöl-basierter Kleber zugemischt. Dieses Öl ist ein Nebenprodukt der Zellstoffindustrie, das vor allem aus Fett- und Harzsäuren besteht.

Nach dem aktuellen Stand der Technik müssen die WPC-Granulate, jedenfalls bei Urnen, somit nicht mehr Polypropylen als Gerüststoff enthalten.

Der Einsatz von Tallöl-basierten Klebern in Verbindung mit Lignin führt aber dazu, dass die Verrottbarkeit gegenüber Naturholz deutlich verlangsamt ist. Je höher deren Anteil, desto länger ist auch die Haltbarkeit.[5] Dies mag toxikologisch durchaus vorteilhaft sein, da die Aschebestandteile dadurch erst mit Verzögerung Bodenkontakt bekommen. Auch der Kleber wird nur allmählich freigesetzt.

Zu hinterfragen bleibt aber die Lackierung der Urnen sowie Applikationen auf Metallbasis, die jedoch nicht die Granulathersteller zu verantworten haben.

Sollen Urnen im Wald beigesetzt werden, ist in Abstimmung mit den Naturschutzverwaltungen die Edelstahlurne zu erwägen, um den Eintrag toxischer Stoffe in die Waldökosysteme grundsätzlich zu verhindern.

Mehrere Gründe sprechen dafür:
  • Verhinderung von Wühlspuren: Das organische Anteil von „Biournen” lockt Schwarzwild an,
  • Die Einhaltung von Mindestabständen zum Baum (DIN 18920) kann mittels Detektoren nachweisbar dokumentiert werden,
  • Die Edelstahlurne kann nach Ablauf der Ruhezeit mittels Detektor mühelos geborgen werden, für eine Neubeisetzung ist kein erneuter Wurzel schädigender Eingriff nötig,
  • Mobilisierung von Urneninhalten kann ausgeschlossen werden.

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass die Aschenkapsel – also das eigentliche Urnenbehältnis - wenn sie aus dem bis heute meistgebräuchlichen Weißblech mit Zinkbeschich­tung besteht, überhaupt nicht biologisch abbaubar ist: Sie korrodiert vielmehr unter Freisetzung von Metalloxiden.


[1] z.B. www.gutenberger-urne.de
[2] PLA =  Polyactic Acid, ein Biopolymer auf Stärkebasis, i.A. Mais, WPC = Wood Polymer Composites, auf Lignin und Zellulosefasernbasis.
[3] Thomas Fischer, DUH, zit. in:   www.spiegel.de/wissenschaft/technik/bio-kunststoffe-mit-mais-gegen-die-plastikflut-a-758020.html
[4] Schreiben der BASF SE Ludwigshafen an die Deutsche Umwelthilfe v. 11.04.2012
[5]aus: Kunststoffe 11/2001: Lignin, maßgeschneidert
C 5CDOKUME15CDaphne5CLOKALE15CTemp5Cmsohtml15C015Cclip image002